Termin vereinbaren über Kontaktformular oder +49 151 42044956 anrufen
Start / Sexualgesundheit / Sex Ratgeber

Postkoitale Dysphorie: Depression nach Orgasmus beim Mann

5 min Lesezeit • Von Prof. Dr. med. Frank Sommer • Medizinische Prüfung: Prof. Dr. med. Frank Sommer • Aktualisiert am 14. Apr. 2026

Kurz zusammengefasst

Postkoitale Dysphorie bezeichnet negative Gefühle wie Traurigkeit, Reizbarkeit oder innere Leere, die unmittelbar nach dem Sex auftreten. Studien zeigen, dass etwa 40 Prozent aller Männer mindestens einmal davon betroffen sind. Ursache ist ein hormoneller Wechsel nach dem Orgasmus: Der Prolaktinspiegel steigt, während Dopamin und Oxytocin abfallen.

Symptome

Wie häufig sind negative Gefühle nach dem Sex?

In einer Studie gaben 40 Prozent der Studienteilnehmer an, mindestens einmal keine positiven Gefühle nach dem Koitus entwickelt zu haben. Insgesamt hatten 4 Prozent aller Studienteilnehmer regelmäßig über einen längeren Zeitraum mit negativen Gefühlen nach der sexuellen Aktivität zu tun. Diese Gefühle können sich in unterschiedlicher Weise ausdrücken. Einige Männer möchten nach ihrem Orgasmus nicht berührt werden oder sie ziehen es vor, allein im Bett zu liegen. Manche fühlen sich genervt, gänzlich unzufrieden, nervös, niedergeschlagen und leer. Wieder andere suchen nach dem Sex Ablenkung.

Wann sollten Sie einen Arzt aufsuchen?

Gelegentliche negative Gefühle nach dem Sex sind in der Regel kein Grund zur Sorge. Ein Arztbesuch ist jedoch ratsam, wenn die Symptome regelmäßig auftreten, länger als einige Minuten anhalten oder Ihre Lebensqualität und Partnerschaft beeinträchtigen. Auch wenn Sie bemerken, dass Sie sexuelle Aktivitäten zunehmend vermeiden, um den unangenehmen Gefühlen danach aus dem Weg zu gehen, sollten Sie professionelle Hilfe in Anspruch nehmen. Bei körperlichen Symptomen wie Herzrasen, Schwindel, Ohnmacht oder starken Kopfschmerzen nach dem Orgasmus ist eine ärztliche Abklärung dringend erforderlich, um organische Ursachen auszuschließen.

Ursachen

Was passiert hormonell nach dem Orgasmus?

Unmittelbar nach dem Orgasmus kommt es im männlichen Körper zu erheblichen hormonellen Veränderungen. Der Prolaktinspiegel steigt stark an, während gleichzeitig der Dopaminspiegel – das sogenannte „Glückshormon" – abfällt. Dieser hormonelle Wechsel ist bei den meisten Männern für das bekannte Gefühl der Entspannung und Müdigkeit verantwortlich. Bei einigen Männern kann dieser Prozess jedoch zu Gefühlen von Leere, Traurigkeit oder Reizbarkeit führen. Auch der Oxytocinspiegel, der während der sexuellen Aktivität ansteigt und für Bindungsgefühle verantwortlich ist, sinkt nach dem Orgasmus wieder ab – was bei manchen Männern ein Gefühl der emotionalen Distanz auslösen kann.

Was steckt hinter der postkoitalen Dysphorie?

Es wird vermutet, dass da viele psychologische und biologische Faktoren zusammenkommen, einer konkreten Ursache der „Postkoitalen Dysphorie", von der übrigens auch Frauen betroffen sein können, muss man noch auf die Spur kommen. Studien haben aber gezeigt, dass Paare, die nach der sexuellen Aktivität miteinander reden, sich in die Arme nehmen, schmusen und/oder sich küssen, eine deutlich zufriedenere Partnerschaft haben als diejenigen Paare, die dies nicht tun. Der Grund: Kommunikation, Streicheleinheiten, Zärtlichkeit und körperliche Nähe haben einen positiven Effekt auf das zwischenmenschliche Bindungsverhalten.

Risikofaktoren

Wer ist besonders betroffen?

Wissenschaftliche Untersuchungen haben gezeigt, dass bestimmte Faktoren das Risiko für eine postkoitale Dysphorie erhöhen können. Dazu gehören frühere traumatische Erlebnisse, insbesondere in der Kindheit, sowie bestehende psychische Belastungen wie Depressionen oder Angststörungen. Auch Beziehungsprobleme, ungelöste Konflikte mit dem Partner oder eine unbefriedigende Kommunikation in der Partnerschaft können dazu beitragen, dass nach dem Sex negative Gefühle auftreten. Interessanterweise zeigen Studien, dass die postkoitale Dysphorie unabhängig davon auftreten kann, ob der Sex als befriedigend empfunden wurde oder nicht.

Diagnose

Wie wird postkoitale Dysphorie festgestellt?

Eine spezifische Laboruntersuchung oder einen bildgebenden Test für die postkoitale Dysphorie gibt es nicht. Die Diagnose erfolgt in der Regel durch ein ausführliches Gespräch mit einem Arzt oder Therapeuten. Dabei werden die Symptome, deren Häufigkeit und Intensität sowie mögliche Zusammenhänge mit anderen psychischen oder körperlichen Beschwerden erfragt. Wichtig ist dabei die Abgrenzung zu anderen Erkrankungen: Eine bestehende Depression, Angststörungen oder das sogenannte Post-Orgasmic Illness Syndrome (POIS) – bei dem Männer nach dem Orgasmus grippeähnliche Symptome entwickeln – müssen ausgeschlossen werden. Auch hormonelle Störungen, etwa ein Testosteronmangel, können ähnliche Symptome verursachen und sollten überprüft werden.

Behandlung

Welche Therapiemöglichkeiten gibt es?

Die Behandlung der postkoitalen Dysphorie richtet sich nach den individuellen Ursachen. In vielen Fällen kann bereits eine Paartherapie oder eine psychologische Beratung hilfreich sein, um zugrundeliegende Beziehungsprobleme oder persönliche Belastungen aufzuarbeiten. Kognitive Verhaltenstherapie hat sich als wirksam erwiesen, um negative Denkmuster zu erkennen und zu verändern. In einigen Fällen, insbesondere wenn eine begleitende Depression oder Angststörung vorliegt, kann auch eine medikamentöse Unterstützung sinnvoll sein – dies sollte jedoch immer mit einem Facharzt besprochen werden. Ebenso können Entspannungstechniken wie Achtsamkeitsübungen oder Meditation dazu beitragen, die emotionale Regulation nach dem Sex zu verbessern.

Komplikationen

Können nach dem Orgasmus auch körperliche Probleme auftreten?

Neben psychologischen Problemen können nach dem Orgasmus auch organische Probleme auftreten, die teilweise sehr heftig ausgeprägt sind.

Bekannt geworden ist folgender Fall: Nach dem Orgasmus begann der Mann am ganzen Körper zu zittern, dann verlor er das Bewusstsein. Die Partnerin tastete keinen Puls mehr, rief den Notarzt und begann sofort mit der Mund-zu-Mund-Beatmung. Die Ärzte stellten im Krankenhaus fest, dass der Mann schon mehrmals solche Ohnmacht-Attacken nach dem Orgasmus hatte. Da er keine Medikamente nahm und in der Anamnese nicht festzustellen war, dass es in der Familie irgendwelche Risiken für Herz-Kreislauferkrankungen gab, wurden weitere Untersuchungen durchgeführt. Im EKG zeigte sich dann die Lösung für die Ohnmachts-Attacken nach dem Koitus: eine Anomalie, die wahrscheinlich angeboren war. Weitere Recherchen ergaben: Auch andere Familienmitglieder hatten bereits ähnliche Symptome. Ein genetischer Test zeigte schließlich eine Mutation im KCNH2-Gen auf Chromosom 7q36, was die Diagnose bestätigte.

Folglich wurde dem Patienten ein Zwei-Kammer-Schrittmacher-Defibrillator (DDD-ICD) eingesetzt. Nach dem Eingriff konnte der Mann wieder Orgasmen bekommen, ohne dass es zu erneuten Synkopen (Ohnmachtsanfälle) kam. Schön für ihn, schön aber auch für die Partnerin. Was sie durchgemacht haben muss, möchte man sich lieber nicht vorstellen.

Lesen Sie auch