Termin vereinbaren über Kontaktformular oder +49 151 42044956 anrufen
Start / Testosteron

Komorbidität: Testosteronmangel als Begleiterkrankung

5 min Lesezeit • Von Prof. Dr. med. Frank Sommer • Medizinische Prüfung: Prof. Dr. med. Frank Sommer • Aktualisiert am 14. Apr. 2026

Kurz zusammengefasst

Ein niedriger Testosteronspiegel tritt häufig als Begleiterkrankung (Komorbidität) auf – und kann ein Hinweis auf eine ernstere Grunderkrankung sein. Männer mit niedrigem Testosteron haben ein signifikant höheres Risiko für Herzinfarkt, Schlaganfall und Bluthochdruck. Mit dem Testosteronspiegel sinkt in vielen Fällen auch die Lebenserwartung. Körperliche Aktivität, bewusste Ernährung, guter Schlaf und Stressreduktion können den Testosteronspiegel positiv beeinflussen. Ein Arzt kann helfen, die mögliche Grunderkrankung aufzudecken.

Übersicht

Was ist Komorbidität beim Testosteronmangel?

Ein Mangel an Testosteron und ein damit verbundener zu niedriger Testosteronspiegel können sich negativ auf das Sexualleben auswirken. Oftmals sinkt die Libido, ebenso sind Erektionsprobleme nicht auszuschließen. Es wäre allerdings falsch, Testosteron, das auch als „Königshormon des Mannes" bezeichnet wird, nur mit dieser einen Lebenssituation in Verbindung zu bringen.

So ist es mittlerweile erwiesen, dass ein niedriger Testosteronspiegel oft auch als Begleiterkrankung auftreten kann. Mediziner sprechen in diesem Fall von einer Komorbidität. Der Begriff kommt vom englischen Wort „comorbidity" und beschreibt eine Krankheit, die zusätzlich zu einer sogenannten Grunderkrankung auftritt. Interessant ist diese Erkenntnis vor allem dann, wenn man sie im Umkehrschluss betrachtet: Wird ein Testosteronmangel festgestellt, sollte dies ernst genommen werden, weil es sich möglicherweise um einen Hinweis auf eine anderweitige Grunderkrankung handeln kann. Eigene und internationale Studien haben gezeigt, dass vor allem bei chronischen Erkrankungen häufig der Testosteronspiegel negativ beeinflusst wird.

 

Was sagt mein Testosteronspiegel über meine Gesundheit aus?

In einer groß angelegten internationalen Studie wurden bei fast 4.000 Männern, die sich wegen Sexualstörungen in der Klinik vorstellten, weitergehende Untersuchungen durchgeführt. Unter anderem wurde erfasst, ob bei diesen Männern auch ein Testosteronmangel vorliegt. Zusammen mit Analysen zu weiteren möglichen Krankheitsbildern ergab sich ein umfangreicher Bestand an Daten, der ausgewertet und analysiert werden konnte.

Die Haupterkenntnis der Datenanalyse kam nicht ganz unerwartet: Diejenigen Männer, die viele zusätzliche Erkrankungen hatten, verfügten auch über einen niedrigen Testosteronspiegel. Wichtig war auch die Feststellung, dass sich diese Erkenntnis quer durch alle Altersgruppen zog. Das bedeutet: Selbst die jüngeren Männer, die einen sehr niedrigen Testosteronwert hatten, wiesen sowohl entsprechende Komorbiditäten auf als auch die für einen Testosteronmangel bekannten Symptome.

Noch besser als der Gesamttestosteronwert korrelierten die Daten mit dem biologisch verfügbaren Testosteron, unter anderem dem freien Testosteronwert. Auch eine Reduktion von morgendlichen Erektionen, die mit niedrigen Testosteronwerten einhergingen, waren mit einem höheren Maß an chronischen Erkrankungen in Verbindung zu bringen. Zu den Komorbiditäten zählten hier auch ganz speziell Herz-Kreislaufprobleme. Bei knapp 50 Prozent der untersuchten Männer traten bei einer längerfristigen Beobachtungszeit kardiovaskuläre Ereignisse auf wie beispielsweise Anzeichen eines Schlaganfalls oder ischämische Herzerkrankungen. Ebenso wurden verschiedenartige Gefäßverstopfungen festgestellt, im Extremfall sogar arterielle Verschlusserkrankungen.

Die internationale Studie mit 4.000 Männern ließ die Schlussfolgerung zu, dass – unabhängig vom Alter und unabhängig von der jeweiligen chronischen Grunderkrankung – ein Testosteronmangel immer als ein ernst zu nehmender Hinweis (Marker) verstanden werden muss. Mit dem Testosteronspiegel sinkt in vielen Fällen auch die Lebenserwartung.

 

Therapie

Was ist die Androgendeprivationstherapie und welche Nebenwirkungen hat sie?

In einer anderen Studie konnte gezeigt werden, dass ein Mangel an Testosteron dazu führt, dass im Körper Eiweiße abgebaut werden, und zwar insbesondere in der Leber. Zu beachten gilt in diesem Zusammenhang aber auch ein Sonderfall: So kann es mitunter ein bewusster therapeutischer Ansatz sein, den Testosteronspiegel abzusenken. Eine solche Androgendeprivationstherapie (ADT) kommt beispielsweise bei Männern zur Anwendung, bei denen ein Prostatakarzinom festgestellt wurde. Bei einer Androgendeprivationstherapie werden dem Körper die männlichen Geschlechtshormone (Androgene) entzogen.

Im Kampf gegen den Prostatakrebs ist eine Androgendeprivationstherapie durchaus erfolgsversprechend. Nicht zu unterschätzen sind jedoch einige kaum vermeidbare Begleiterscheinungen. So kann ein gezieltes Absenken des Testosteronspiegels negative Einflüsse auf die Psyche des betroffenen Mannes haben. Ebenso wurde in Studien beobachtet, dass bei Männern während einer ADT auch der Proteinstoffwechsel negativ beeinflusst wurde. Das bedeutet: Zu den psychischen Belastungen können auch noch physische kommen. Unabhängig von den Auswirkungen auf die Libido fühlen sich viele Männer, die sich einer ADT unterziehen, kraftlos.

In einer weiteren Studie wurden sowohl chirurgische als auch medikamentöse Kastrationen untersucht. Nebeneffekte von solchen Testosteron supprimierenden Therapien sind Hitzewallungen, eine Gewichtsabnahme sowie ein Verlust der Libido. Ebenso kann es zu einer erektilen Dysfunktion kommen, außerdem gibt es metabolische Risiken. Ebenso traten in der Studie bei einigen Männern Brustschmerzen und eine Gynäkomastie, also eine Verweiblichung der männlichen Brust, auf. Insbesondere Patienten, die eine ADT erhielten, hatten eine erhöhte Anzahl an Komorbiditäten sowie ein signifikant höheres Risiko für koronare Herzerkrankungen, Diabetes und Schlaganfall.

 Die Möglichkeiten, die negativen Begleiterscheinungen einer ADT abzumildern, sind sehr begrenzt. Resümierend lässt sich sagen, dass es im Zuge einer Hormonentzugstherapie auch zu einer erhöhten hepatischen Harnstoffproduktion kommt, die wiederum einen gesteigerten Proteinverlust zur Folge hat. Ein entsprechendes Muskeltraining kann den Verlust an Muskelmasse nur bedingt verhindern – vor allem bei Patienten im fortgeschrittenen Alter sind die Effekte überschaubar.

 

Was kann man im Alltag für seinen Testosteronspiegel tun?

Auch wenn sich durch eine bloße Erhöhung des Testosteronspiegels keineswegs eine dafür ursächliche Grunderkrankung therapieren lässt, so tut es doch dem gesamten Körper gut, wenn er regelmäßig dieses Hormon zugeführt bekommt. Deutlich besser als die Einnahme diverser Pillen sind einige Veränderungen im Lebensrhythmus. So ist allen voran eine körperliche Aktivität immer empfehlenswert: Es muss ja gar nicht die tägliche Sportstunde sein – oft helfen bereits kleine Einheiten, angefangen vom Treppensteigen als Alternative zum Aufzug oder auch der kleine Spaziergang in der Mittagspause. Damit einhergehen sollte bei leicht übergewichtigen Männern eine Reduzierung des Bauchumfangs. Ratsam ist immer auch eine bewusste Ernährung: Nach 18 Uhr sollten beispielsweise keine Kohlenhydrate mehr aufgenommen werden. Gut für den Testosteronspiegel ist hingegen der Verzehr von Lebensmitteln, die sogenannte „gesunde Fette" enthalten – das können Nüsse oder auch Avocados sein. Weitere Möglichkeiten zur Steigerung der Testosteronproduktion sind ein guter Schlaf sowie eine grundsätzliche Stressreduktion im Alltag.

Eine weitere interessante Erkenntnis der Langzeitbeobachtung war, dass es zahlreichen Männern sehr wohl gelang, ihrem Testosteronmangel sowie der jeweiligen chronischen Erkrankung offensiv zu begegnen. Konkret ergriffen diese Männer gezielte Lifestyle-Änderungen: Sie wurden körperlich deutlich aktiver, stellten ihre Ernährung um oder nutzten die Möglichkeit eines mentalen Trainings. In der Studie konnte aufgezeigt werden, dass solche Maßnahmen dazu führten, dass die Gesamtsymptomatik der betroffenen Männer deutlich besser wurde.